|
Paprika Relations...
Ich komme gerade aus dem Kaufstadt-Warenhaus, Kämpfe an Regal und Wühltisch mit all den
werten Touristen in der Stadt ausgefochten und lege mein Einkaufsnetz mit den Eroberungen erschöpft auf meine
Küchentheke, da klingelt das Telefon.
Kurzerhand das Portemonnaie beiseite gelegt, die
Kassenquittung für das Haushaltsbuch separiert und dann pelz- und kettenschwingend durch den Flur in Richtung Fernsprecher
gestöckelt. Hallo, Olga Popova am Apparat... und dann nichts... Stille... Schon aufgelegt, ich war
mal wieder nicht flink genug. Dabei erwarte ich ein wichtiges Telefonat meines Managements, soll sich doch
tatsächlich irgendwo in der Stadt bald ein neuer queerer Club aus dem Ei pellen.
Nun gut, wird schon wieder anrufen, dachte ich mir. Also zurück in die Küche und die Schätze aus der Feinkostabteilung
aus dem Netz geholt: Jakobsmuscheln, nicht mehr Sushiqualität aufweisende Fischfilets, frischen Blattsalat und rote Paprika,
ein absolutes Muss in der Popova-Küche. Paprika gibt Farbe, Würze und sofern frischer als der nicht mehr
zum Sushi geeignete, dennoch ungeniert als fangfrisch angepriesene "Frisch"-Fisch, ist er dem Vitamin C-Haushalt einer alternden
Dame auf die Sprünge helfend. Ja, der Fisch übrigens... angeblich laut Verkaufsdame heute Morgen noch geschwommen... fragt sich nur wo?
Etwa im Brackwasser der auftauenden Kühltrühe? Sei's drum, man möchte es gar nicht so genau wissen.
Mich wundert es aber, dass die Zukunft dieses insolvenzgefährdeten Warenhauses noch immer ungewiss ist und
sich kein Käufer findet. Da kaufe ich Tag für Tag für ein paar Kopeken in diesem Kommerztempel, trage all
meine bescheidene Gage dorthin und noch immer hat niemand bemerkt, dass ich in der Summe mindestens soviel Geld
dort habe liegen lassen, dass es eigentlich schon insgesamt mir gehören müsste... inklusive Personal.
Oder mindestens, dass man auf die
sich dort versorgende Prominenz wenigstens aufmerksam würde - für kleines Geld würde ich mich auch einer PR-Aktion
durchaus zur Verfügung stellen, immerhin ist es mein Warenhaus um die Ecke. Wer würde denn nicht dort die Besorgungen
tätigen, wenn im Werbespot eine alternde Dame in Pelz und Hornbrille wie von einer Briefmarke entgegen lächelt, eine rote Paprika
in die Kamera hält und sagt: Wir lieben Lebensmittel...? Ach nein, das war ja eine andere Marktkette, ich
bringe da offenbar etwas durcheinander, man verzeihe mir. Ich hätte doch lieber in der Apotheke noch etwas
Geriatric-Agil-Kapseln mitnehmen sollen. Auch bunte Vitamine, die eine Popova wieder flott machen. Wie machen das
nur meine ganzen Mitschwestern? Wobei, ich möchte gar nicht genau wissen, was die so alles salben, schmieren oder
einträufeln. Also bei Wally Geier bin ich gewiss, sie konserviert sich konstant durch Rebensäfte, soll ja in Massen
gesund sein - oder war's in Maßen? Sei's drum... wo waren doch nur meine Kapseln...?
Und wo waren überhaupt denn nur mein Portemonnaie und mein Kassenbeleg? Habe ich diese etwa mit zum Telefon genommen?
Ich stöckle also durch den langen Flur zurück in Richtung Fernsprecher. Nein, da liegt nichts.
Also zurück über den roten Samtfloor in die Küche. Ich schaue unter
dem Einkaufsnetz, unter der Paprika... hm, da liegt nichts. Wo habe ich nur meine senilen Sinne?
Was war da mit Kapseln? Ach, abgesehen übrigens von all den jungen Hüpfern wie Fötzli, Tran oder Creme, welche ja
auf gute Buttermilch in innerer und äußerer Anwendung schwört, eine Miss Understood hält sich angeblich einzig mittels
flotter Rhythmen aufrecht - ich sage nur alle Achtung, bei ihren Lenzen noch so zu Fuss... und Bang Bang LaDesh...
da machen's die Konservierungsstoffe in den hausmeisterlichen Reinigungsmitteln in täglicher Anwendung. Aber Vorsicht: Spülhände!
Es sei denn, man verwendet das mit Olive Oil... grüne Flasche und so...
Und meine Freundin Mousaka? Och, bis sie merkt, dass die Krähen Fußspuren hinterlassen, ist ihr Jungfernkranz noch nicht
einmal geflochten. Auf die Geheimnisse einer ewig blendenden Lotusblüte oder einer Frau Huber bin ich noch nicht
gekommen, sonst wären's ja auch keine Geheimnisse, nicht wahr?
Ich beschliesse, jetzt aber doch zunächst die Einkäufe zu versorgen, doch da schellt ja schon wieder das Telefon... und, wer hätt's gedacht,
ich stöckle den Flur pelz- und kettenschwingend entlang in Richtung des Läutgeräuschs. Hallo, Olga Popova, was kann ich für Sie tun?
Am anderen Ende meldet sich nicht mein Management, sondern lediglich ein Gewinnspielunternehmen, das mir zum
soeben erzielten Losgewinn gratulieren möchte. Ich müsse nur eine bestimmte Nummer zurückrufen... Habe ich etwa
irgendwo mitgespielt? Wo habe ich nur meine Sinne oder diese verwunschenen Kapseln? Ich beschliesse, das später zu hinterfragen und stöckle
also zurück in die Küche. Dort angekommen, öffne ich mit spitzen Fingern den Kühlschrank... ach, da sind ja Portemonnaie und
Kassenbeleg, weshalb liegen die Lebensmittel noch auf der Theke? Wie haben die sich dahin gefunden? Sei's drum...
Also nehme ich sie gut angekühlt heraus und lege an deren Platz die besorgte Feinkost.
Da schellt's...
Haustür? Erwarte ich Besuch? Ach, nein, das Telefon schon wieder... also pelz- und kettenschwingend zurück den samtbefloorten Flur entlang.
Also nein, da erdreistet sich ein Telekommunikationsunternehmen doch tatsächlich, mich in dieser wirren Lage
mit Angeboten zu behelligen. Würden Sie lieber mit der ollen Olga werben... in etwa
Diese Paprika habe ich im Internet erworben, dank Flatrate.... Wenn ich das online zu shoppen schaffe, dann schafft's
jeder, selbst Susi Tran - das wäre ein wahrer und aufrichtiger Beleg dafür, dass das World Wide Web unser Leben erleichtert und
nicht nur unsere Geldbörse.
Aber was wollte ich eigentlich tun? Ach ja, Küche... also stöckle ich den Flur
entlang und das, als wolle ich endlich auch eine Goldmedaille bei Jugendolympia erringen. Wo sind denn jetzt die Einkäufe hin?
Ah, natürlich im Kühlschrank, wo sie hingehören. Da sind ja auch wieder mein Portemonnaie und mein Kassenbeleg. Kaum fange ich an,
mein Haushaltsbuch zu ergänzen, schellt's... also wieder den laaaaangen Weg durch meine bescheidene Behausung zurück,
meine Halsketten schlagen mir auf Brust und Ohren, meinen Pelz könnte ich eigentlich langsam an der Garderobe ablegen.
Am Telefon das Freizeichen und trotzdem schellt's. Ja, aha, die Haustüre... oh, durch den Spion sehe ich die
fliegenden Verkäufer von Kernseife und Wurzelbürsten. Diese Tür bleibt zu, sage ich mir und renne zurück, ja
gerate langsam aber sicher in Schnappatmung. Also Haushaltsbuch komplettiert und Geld weggelegt, so langsam
beruhigt sich auch mein Puls wieder. Ich denke, ich genehmige mir jetzt ein Glas Prickelwasser bei so viel Aufregung
heute Morgen schon. Eingedenk dessen denke ich mir aber, selbst das könnte ich
PR-mässig gut verkaufen: Wurzelbürsten und Kernseife. Dann bliebe den Herrschaften das Klinkenputzen erspart.
Da schellt's... ja, genau, ich stöckle also pelz- und kettenschwingend zurück und stolpere beinahe über eine Teppichfalte, die ich bislang
wie eine Hürdenläuferin erklommen hatte. Am Fernsprecher angekommen, Hörer abgenommen Olga Popova...?
Das Management meldet sich. Ich solle gute Figur auf einem Flyer für die Neueröffnung eines gut eingeführten Danceclubs
in Konstanz machen. Betreiberin sei künftig eine Adelsfrau, namens von Schrupp. Ob ich kurz ins Studio
kommen könne... selbstredend mache ich mich pelz- und kettenschwingend auf den Weg, begegne im Treppenhaus den Wurzelbürsten, stecke
den gelinde erstaunten Herrschaften kurz entschlossen meine Visitenkarte entgegen und eile Richtung Studio.
Dort angekommen in gut geübte Pose, kurz Fotos geschossen, den Rest macht der Designer. Wenige Tage später ist Eröffnung und
ich Ehrengast. Doch diese Adelsfrau geziemt sich zickig. Ich befinde mich in guter Gesellschaft all meiner
Mitschwestern, allesamt aufgehübscht, sortiert und herausgeputzt. Da geht doch nur die Schiebeklappe an der Türe auf,
eine Nase streckt sich uns entgegen und da lautet es schnippisch und kraftlos ...keine Lust, keiner da, kann grad zumache... und Klappe zu, die Türe
bleibt verschlossen. Clarissa sagt kurzerhand händeschwingend ...also neeeee, das hab ich ja noch net erlebt
und so beschliesst die ganze Drag-Gemeinde per Karawane spontan in die Lounge abzustöckeln. Wie stehe ich jetzt da als
Werbeträger für diesen Club?
Die Drag-Gemeinde mag es mir zwar verzeihen, mit Ausnahme vielleicht von Euer Lordschaft Tina Lord, und dennoch ist es mir
über alle Maßen peinlich, mein Makeup verdeckt nur schwer die Schamesröte. In der Lounge sehe ich dann auch erstmals die ausliegenden Flyer...
der Designer hat von mir bis auf Pelz und
Hornbrille alles wegretuschiert und auf das neue Club-Logo gesetzt, eine feuerig rote Paprika, offenbar als Ausdruck der
feurigen Würze des neuen Clubs. Public Relations? Nein, eher Paprika Relations...
Ich leugnete fortan, Modell gestanden zu haben, nahm zwecks Verdrängung keine Kapseln mehr ein, Telefon ist auf Anrufbeantworter umgestellt und sodann wechselte ich schlussendlich umgehend mein Management.
Euer strahlender Stern
Olga Popova
|